Festival Rümlingen 2013 – Neue Musik – Theater – Installation
Forum
Schreiben sie im Forum über Ihre «inneren Lieder» und Erlebnisse mit dem Hör-Wanderbuch des Festival Rümlingen 2011.
Schreiben sie im Forum über Ihre «inneren Lieder» und Erlebnisse mit dem Hör-Wanderbuch des Festival Rümlingen 2011.
Eine Wanderung zum „Tor der Welt“
Der Besuch des Rümlinger Festivals beginnt mit einer Wanderung. Erster Zielpunkt ist ein Wasserfall im Rümlinger Umland. Man hört das Plätschern des Wassers, das Rauschen der Blätter, das Stampfen der Wandergenossen. – Sind das etwa die Klänge, um die sich das diesjährige Festival dreht?
Es ist ein recht außergewöhnliches Konzept, das das Festival für Neue Musik in diesem Jahr auszeichnet: Nicht in einzelnen Konzerten oder Performances, nein, das ganze Jahr über – frei zugänglich für jedermann – spielt sich das klangliche Geschehen ab. Dazu wurden vier (Hör-) Orte ausgewählt: ein Wasserfall, die Homberger Flue, ein Tunnel sowie der Wisenberg. In dem Begleitbuch des Festivals finden sich nicht nur Beschreibungen jener Orte von vier Schriftstellern, sondern auch Texte von insgesamt 16 Komponisten – für jeden Schauplatz, zu jeder Jahreszeit. In diesen Texten geben die Komponisten Anregungen zum bewussten Hören in der Natur und zu klanglichen Assoziationen. So empfiehlt etwa der amerikanische Komponist Tom Johnson für die Herbstwanderung am Wasserfall darauf zu achten, wie sich das Wasser anhört, wenn es aus unterschiedlicher Höhe fällt. Der Klang des Wassers aus größerer Höhe sei lauter und habe höhere Frequenzen, während fallendes Wasser aus niedriger Höhe sich durch einen weichen Klang auszeichne. Auch auf den Zusammenklang weist Johnson hin, der stets im Fluss sei. Und tatsächlich, je nach Standpunkt ist mal das eher helle Rauschen im Vordergrund, mal das tiefere Plätschern des Wassers. Johnson spricht von einem Klang, der sich in 360 Grad um den wandernden Hörer herum ergibt, von einer „vollständigen Raumerfahrung“. Bei dieser Klang-Raum-Erfahrung bestimmt unser Standort das, was wir hören, unsere Aufmerksamkeit die Komplexität des Klanggebildes. Die Komposition, hier weit gefasst als Zusammensetzung akustischen Materials, entsteht also erst mittels der konstruktiven Hör-Leistung der Besucher. Die individuelle und kreative Syntheseleistung geht dabei einher mit einer ungewohnten Konzentration auf die Geräusche der uns umgebenden Welt. Der Titel des diesjährigen Festivals, „Drinnen vor Ort“, illustriert genau diesen Doppelstatus.
Die Wanderung führt weiter zur Homberger Flue. Während der Blick auf das Tal und die Bergkulisse das Auge verwöhnt, wird das Ohr von der Geräuschkulisse überwältigt. Zu viele Klänge, so scheint es, verschwimmen hier zu einer bloßen Geräuschmasse. Man muss genau hinhören und seine Wahrnehmung filtern, bis man die Einzelelemente des vielfältigen Klangs zu entziffern vermag. Da sind die Glocken der Kühe, das tiefe, kaum hörbare Sausen des Windes, das Zirpen der Insekten, der Terzgesang der Vögel, das rhythmische Bellen des Hundes und nicht zuletzt das beständige Strömen der Autos, von links nach rechts und von rechts nach links, fast schon wie ein dynamischer Bogen. Langsam und sukzessive differenziert sich auch hier ein Klangraum. Im alltäglichen Geschehen mögen wir das uns stets umgebende Klangspektrum ausblenden; hier jedoch, auf dem Hochpunkt der Flue stellt sich die Frage ein: Wie klingt unsere Welt eigentlich? Befinden wir uns gerade auf einem archimedischen Punkt, aus dessen Distanz heraus sich die Welt gerade als eine klingende offenbart? In einem solchen Sinne könnte man Manos Tsangaris verstehen, wenn er in seinen Hörsuggestionen von der Homburger Flue als einem „Tor zur Welt“ spricht.
Natur als Ereignis
Drinnen vor Ort. 4 Landschaften. 4 Jahreszeiten. 4 Wege, so der Titel des diesjährigen Festivals Rümlingen, das zu einer auditiven Landschaftsbegehung rund um das im Schweizerischen Jura liegende Dorf einlädt. Vier Landschaftsorte können ständig, somit während der verschiedensten Naturimpressionen, bei Sonne, Schnee, Frühling oder Winter usw., begangen werden, wobei 2011/12 keine künstl(erisch)ichen Konzerte oder Klanginstallationen im eigentlichen Sinne aufgeführt werden. Sondern die ortstypischen Klänge von Natur und Lebensraum im Baselland, wie das Plätschern des Wassers oder Singen der Vögel bilden die Aufführungen.
Ein Hörwanderbuch begleitet den Besucher in der Begehung der Klangorte um Rümlingen. Die Texte leiten durch die Naturgeräusche und die Geräusche der ländlichen Umgebung. Die gedruckten Worte provozieren Klangimaginationen und gedankliche Exkurse beim Durchwandern der Landschaftsräume und beim Innehalten, indem sie inspirieren, Ideen vielfach neu zu strukturieren oder durch die textlichen Impressionen verschiedene Hörperspektiven einzunehmen. Beim Durchlaufen der Waldsenke beim Hörort Wasserfall können die verschiedenen Klänge, von kleinem Wasser-Gurgeln bis gewaltigerem Rauschen, differenziert werden. Weiter oben erreichen wir die Fluh mit dem Ausblick über den Schweizer Jura und seinen Dörfern und haben dabei das Rauschen des Waldes und Vogelgezwitscher hinter uns. Neben Natur wird der Mensch und das Landleben hörbar, die Eisenbahnlinie, die Autobahn in der Ferne, ein Traktor im Tal.
Thomas Meyer gibt mit seinem „Lexikon der Klangimagination“ von „A“ wie „Anfang“, über „B“ wie „Begriffsklärung“ und hierin für die Kunstformen Synonyme wie „Klangimagination, Sichtbare Musik usw.“ findend, über „C“ wie „Checkliste“, zu „F“ wie „Fama“ Ovid zitierend , weiter bis hin zu „Z“ – „Zeit“, „Zen“, „Ziel“ –, dem Leser einen locker begleitenden Überblick zur Hand. Das Hörwanderbuch bietet anregende Hilfen, aus den vorgefertigten eigenen Hörgrenzen auszubrechen und neue Perspektiven einzunehmen. Elfriede Jelinek reflektiert kritisch in „Wildes, grandioses Wasser“ über die Erschließung der Natur und die menschliche Nutzbarmachung des Wassers. Der Komponist und Schreiber Manos Tsangaris verweist in einem der Begleittexte zur Fluh auf den im Tal befindlichen Tunnel, der wiederum von dem (Landschafts-)Komponisten Peter Ablinger textlich begleitet wird. An anderer Stelle arbeiten die Künstler und Künstlerinnen konkreter, indem sie bestimmte Wege vorgeben oder zu Bewegungen, wie dem Fortschreiten mit zugehaltenen Ohren, und zu eigenständigen Klangimaginationen anleiten, wie z.B. die Stockholmerin Malin Bang in der Anregung von Wasserfall-Imaginationen. Die künstlerischen Leiter Christian Dierstein, Thomas Meyer, Daniel Ott, Marcus Weiss, Sylwia Zytynska und Dramaturgie Lydia Jeschke u.a. rücken 2011/12 den Landschaftsraum als Tonort in den Mittelpunkt ohne wie in anderen Festivaljahren tatsächlich Landschaftskompositionen oder -installationen aufzuführen, was künstlerisch gelungen ist durch die Texte, die Natur und Mensch in die Wahrnehmungsperspektiven einbeziehen. Der Baseler Komponist Hans Wüthrich beschreibt in seinem „Singende Schnecke“, wie wir mit unserem Gehör nicht nur empfangend, sondern auch projizierend hören können. Die Begehung lud in diesem Sinne dazu ein, auch anderen Orts durch die Synergien von Texten und Natur sich erweiterte Hörräume zu schaffen.
So verschiebt sich die Performativität, die beim Aufführenden liegt in die Natur, die Natur selbst wird zum Aufführenden. Performativ ist eine Aussage, nach J. L. Austin, dann wenn sie keine beschreibende, sondern eine Aussage ist, mit der bestimmte Handlungen vollzogen werden. Eine Begriffsdefinition, die übertragen auf das diesjährige Festival Rümlingen, nach der Intension von Natur und ihrer Klänge fragen lässt und die Beziehung zwischen Natur und Mensch beleuchtet. Die Klänge sind entweder nicht-intentional (Wasserplätschern) oder intentionale und kommunikative Laute (wie Vogelrufe) in der Natur. Der Mensch, der – in der modernen westlichen Gesellschaft anders als Naturvölker – sich außerhalb der Natur positioniert und diese auch in der Kunst als Gegenüber beleuchtet – steht auch außerhalb dieser natürlichen, kommunikativen oder performativen Prozesse. In der Klangbegehung in Rümlingen kann er versuchen sich die verlorene Kommunikation mit der Natur durch bewusstes Reflektieren wieder nahe zu bringen. Und er entdeckt, dass sie noch vorhanden ist, ob in den Traktorengeräuschen und ihren Kommunikationen (des Hupens) etc. oder in anderen Möglichkeiten der Einbindung in natürliche Orte und Geschehen. Der hermeneutisch interpretierende Mensch steht der Natur dabei aber gegenüber und interpretiert neben den menschlichen performativen Handlungen (das Hupen) auch die natürlichen, die er selbst zu verstehen z.T. aber verlernt hat. Er reiht sich ein in den Klang der Natur – nicht zuletzt als Bauer, als Bäuerin, FörsterIn, kommunikativ im Austausch mit der Natur und den sie umgebenden Geräuschen und Klängen. Findet dies brutaler, ohne Austausch und Besinnung auf die Natur statt, vollzieht sich ein Bruch mit der Natur, wie es etwa die Geräusche der Autobahnen und Flugzeuge, die mit der Natur in keinem Zusammenhang stehen, zeigen. Sie verfolgen überhaupt keinen kommunikativen Aspekt oder ein Ziel des gegenseitigen Nutzens.
Der ländliche Klangort bildet den Ausgangspunkt des Festivals Rümlingen 2011/12, der durch die Texte geleitet zum „klanglichen“ Ereignis wird, d.h. als partizipativ begriffen werden kann, da der Besucher sich als Akteur in eine Beziehung mit der Natur begeben kann, indem er sie durchschreitet, in ihr ruht und ihre Klangvielfalt wahrzunehmen beginnt. In gewissem Sinne bedeutet die Begehung beim Festival Rümlingen eine innerliche Aufführung der eigenen hermeneutischen Interpretation innerhalb der geistigen Projektion, die durch die Alltäglichkeit des Klangereignisses und durch die Reflexionen in den Texten – stärker als im Konzert – die Gedanken und Wahrnehmung jedoch auf die Verortung des Selbst zurückwirft. Die eigentlichen „Auf-führenden“ waren aber die Vögel, das Wasser, auch der Mensch in der Umgebung. Sie sind die Interpreten einer heutigen durch den Menschen erschlossenen Natur. Wenn das Vogelgezwitscher lauter geworden ist, weil die lauten Geräusche, die von der Autobahn kommen, dies im Unterschied zur ursprünglichen Umgebung für den Vogel so erfordern, zeigt sich Aufführung und Interpretation in der Natur, durch Tiere als reflexhafte und an seine Umgebung angepasste. (Im Unterschied zum Autobauenden, der selbst keiner natürlichen, sondern kulturellen Anpassung folgt.) Die Beziehung des Menschen zur Natur ist eine gebrochene, die von einer Störung des Sender-Empfänger-Modells ausgehen muss, da der Mensch seine einst von der Natur intuitiv gegebenen kommunikativen Fähigkeiten verloren hat. Die hermeneutische Interpretation und die geistige Projektion bezeichnen diesen Bruch von Natur und Mensch, indem der Mensch zum Beobachter wird. Zugleich erscheinen sie wie ein Versuch der gedanklichen Heilung dieses Bruchs. Eine Annäherung wie sie die Texte des Hörwanderbuchs durch Reflexionen anregen. Den Bruch, d.h. die Nicht-Kommunikation mit der Natur gilt es wieder zu überwinden. Maschinengeräusche in der Ferne, die in Rümlingen im Hintergrund zur Natur zu hören sind, reihen sich nichtsdestotrotz ein in die Performativität der Natur, dort wo das Landleben noch nicht gänzlich jenseits jeglicher Kommunikation mit der Natur steht oder diese zu mindestens nicht stört, wie es etwa z.B. ein respektvoller Umgang mit Nutztieren zeigt. Das ist auch in der Klangbegehung des Festivals Rümlingen zu spüren. Der Mensch bleibt also, trotz der Abwendung seit der Moderne, dort wo er es erst wahrnimmt und dann begreift, Teil auch performativer Kommunikation zwischen Mensch und Natur.
Vera Emter
Kopfmusik
von Gisela Trost
Mein Handy hat keinen Empfang, und das ist ein gutes Omen für diesen Ort.
Im Rümlinger Wald gibt es einen Wasserfall, ein eigentlich mageres Rinnsal, das sich aus zirka zehn Metern Höhe in eine natürliche Felswanne ergiesst. Etwas weiter vorne fällt dasselbe Wasser über eine weitere, viel weniger hohe Stufe. Meine Aufgabe, hier und jetzt: zuhören.
Ich höre also. Die Akustik ist gut, wir befinden uns in einer Art steinerner Ohrmuschel. Das Prasseln des langen, dünnen Wasserfalls ist höher als das Gurgeln des kurzen, breiten. Nicht, dass sich genaue Tonhöhen definieren liessen. Aber ich weiss nach einiger Zeit, dass ich das Gurgeln lieber mag. Es hat mehr klangliche Facetten, zuweilen klingt es, als würde eine geschwätzige Person auf besonders anschauliche Art eine Geschichte erzählen. Ja, der kleine Wasserfall hat etwas unbeschwert Plapperndes. Der lange Wasserfall hingegen trifft monotoner aufs Trommelfell, insistierender. Mit der Zeit wird der Klang unangenehm schneidend.
Insgesamt jedoch wirkt die Klangkulisse, deren Bestandteile sich im Kleinen verändern, die in ihrer Gesamtsumme jedoch stabil bleibt, enorm beruhigend. Das verlässliche Strömen eines biosphärischen basso continuo, hier in der freien Natur. Der Spielstätte der diesjährigen Ausgabe des Festivals Rümlingen. «Drinnen vor Ort» lautet der Titel. Und das Konzept besteht darin, die Zuhörerinnen wandernd an verschiedene Orte in der Rümlinger Umgebung zu lotsen, wo sie sich der «Klangimagination» widmen dürfen. Das heisst: Keine Konzertbühne, kein Orchester, kein vordefiniertes Programm. Anhand eines kleinen Büchleins mit musikalischen Konzepten (man könnte auch sagen: Höranleitungen) gestaltet sich jeder Hörer sein ganz persönliches «Konzert».
Was manche im ersten Moment für einen Witz halten mögen, ist seit den 1960er Jahren als «konzeptuelle Musik» ein erprobter Zweig der Neuen Musik. Ausgehend von New York, machte damals die Fluxusbewegung mit neodadaistischen Aktionen von sich reden. Die Stücke, etwa von John Cage oder LaMonte Young, bestehen nur aus einem kurzen Text, der vom Interpreten beispielsweise folgendes verlangt: mit eingebildeten Tauben, Enten und Hühnern zu sprechen.
Im Rümlinger Wald braucht man nicht so weit zu gehen. Hören, lauschen, horchen genügt. Das Programm ist ein Angebot, etwa die klanglichen Facetten des Wassers zu entdecken, die verschiedenen Qualitäten des Windes im Blätterwerk, das akustische Verschmelzen von Insekten- und PKW-Gezirpe. Geübte können noch einen Schritt weitergehen und – anhand der erwähnten Höranleitungen – willkürlich andere, imaginierte Klänge hinzuzumischen. Und nebenbei das Licht, die Kühle, die frische Luft auf sich wirken lassen.
Die dergestalt aufgeführten Programmpunkte haben weitere Vorzüge: Sie sind allesamt Uraufführungen und sind selbstverständlich kostenlos. Und, wie Thomas Meyer in seinem den musikalischen Konzepten beigefügten «Lexikon der Klangimagination» versichert: Es muss auch keine Urheberrechtsgebühr bezahlt werden.
Drinnen vor Ort
Festival Rümlingen 2011
Lied der Schnecke
von Remo Schnyder
Vögel zwitschern, Insekten zirpen. Vor uns wölben sich die herbstlichen Jurahügel in gestuften Blautönen, die Nachmittagssonne verströmt eine sanfte Wärme. Drunten im Tal frisst sich stampfend ein Mähdrescher durch die goldenen Ähren. Der Wind trägt das Hämmern der Strassenbaumaschinen herüber und zwischen den rasierten Äckern schlängelt sich die Landstrasse wie ein brausender Bach. Über allem zieht ein Milan weite Kreise und stösst hin und wieder einen Schrei aus. Plötzlich gesellen sich weitere Töne hinzu zur vielschichtigen Polyphonie von Natur und Zivilisation. Ist es eine Äolsharfe, eine Violine, ein Saxophon? Nein, es ist die singende Schnecke!
Wir befinden uns auf der Hombergfluh in Baselland und zwar mitten in einem Konzert. Keinem gewöhnlichen, muss man hinzufügen, sondern einem des Festivals Rümlingen. Experimentelle Aufführungen draussen in der Landschaft und ausgedehnte Konzertdauern gehören hier zum Programm. Dieses Jahr werden diese Eigenarten jedoch besonders ausführlich zelebriert: Das Festival findet an mehreren, einige Wanderstunden voneinander entfernten Orten in der Umgebung Rümlingens statt und dauert ein ganzes Jahr. Zugrunde liegt ihm das sogenannte Wanderhörbuch. Anhand dessen schafft sich jede Zuhörerin ihr eigenes Festival – im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. Dieses Buch führt den Besucher an vier Hörorte, die je von einem Schriftsteller beschrieben werden und für die insgesamt sechzehn Komponistinnen neue Konzepte und Werke vorlegen, die sich innerlich hören lassen; bezogen jeweils auf einen Ort und eine Jahreszeit. Anhand der enthaltenen Landkarten lassen sich die Hörorte erwandern und mit Hilfe der Konzepte auf unterschiedliche Arten erhorchen.
Für die Natur als Komponistin warb bereits der Philosoph Zhuāngzǐ zu altchinesischer Zeit. Und spätestens 1952 entdeckte John Cage den Klang der Stille für die neue westliche Musik wieder. Auch das Konzept, auf das sich das diesjährige Festival Rümlingen bezieht, wurde vom Komponisten Hans Wüthrich bereits in den 70er Jahren entworfen: ‚Singende Schnecke, ein Konzept – 1979’. Hans Wüthrich schreibt dazu: „Weder von der Weinbergschnecke noch von der grossen Wegschnecke ist hier die Rede. [...] Es geht um den Schneckengang im menschlichen Ohr. Um projizierendes Hören.“ Dabei kommt zum Zuge, dass nicht nur äusserliche Geräusche eine physiologische Reaktion in Gehörgängen und Hirn auslösen, sondern innerlich imaginierte Klänge eine ganz ähnliche Wirkung entfalten. Wenn also auf der Hombergfluh die singende Schnecke ihr Lied an- und in den Kanon der Natur- und Alltagsgeräusche einstimmt, so ist das nichts als Musik und ein grosser Genuss!
Rausch
Mozart hat gerne im Kopf komponiert, Beethoven blieb zum Schluss gar nichts anderes mehr übrig… und ich soll das jetzt auch können? Klangimagination nennen es die Veranstalter vom Festival Rümlingen, zu dem ich mich aufgemacht habe. Musik, die erst im Kopf des Hörers entsteht.
Ein Steinbruchkonzert, Klangprozessionen für eine Juralandschaft, ein Stück für Eisenbahnschienen, Stahlrohre und Kakteen – alles dagewesen in den vergangenen Festivaljahren in dem kleinen Dorf bei Basel, wo man schon seit über zwanzig Jahren um die Ecke hört.
Nun also Kopfmusik an landschaftlichen Orten in Rümlingens Umgebung. Musiker gibt es dieses Jahr nicht, und auch sonst keine Künstler, denen man bei irgendetwas beiwohnen kann.
Wer an Rümlingen 2011 teilnehmen will, braucht das Festivalbuch, in dem Komponisten und Klangkünstler von Alvin Curran über Tom Johnson bis zu Peter Ablinger ihre Hörkonzepte ausgebreitet haben. Für jeden Ort gibt es vier dieser Anleitungen, eine für jede Jahreszeit. Kontrastiert werden sie von literarischen Texten – und Wanderkarten. Schließlich wollen Wasserfall und Wiese, Fluh und Tunnel erst einmal irgendwo rund um Rümlingen gefunden werden.
Mir fällt erst einen Tag nach dem Besuch des Giessener Wasserfalls auf, dass mich, trotz Oktober, Malin Bangs Winter-Konzept intuitiv am meisten angesprochen hat. So begehe ich das mehrteilige Naturschauspiel mal mit geschlossenen Ohren, mache aber vor allem immer wieder die Augen zu, um den Sound auf seine klanglichen Feinheiten hin zu erforschen. Das wirkt, ich bin dabei. Wie das Wasser vom Abhang herunter strömen mir die Gedanken und Assoziationen in den Kopf. Zum Beispiel: Diese Landschaft ist doch eigentlich ein großer begehbarer Synthesizer. Jeder Wasserfall ein eigener Oszillator, oder besser: Rauschgenerator. Nur dass ich keine Knöpfchen drehe sondern schon den ganzen Körper bewegen muss, um etwas zu ändern. Zunächst sind meine Justierungen grob, man muss das Gerät ja erstmal kennen lernen. Die Verfeinerung folgt aber schnell. Ich probiere immer wieder neue Mischverhältnisse zwischen den Stimmen aus und entdecke feine Nuancen und Klangmodulationen, etwa als ich mich in die kleine „Höhle“ hinter den untersten Wasserfall stelle. So langsam macht das richtig Spaß, ich experimentiere mich in einen kleinen, nassen Rausch.
Meine Imagination ist zunächst kein Klang sondern vielmehr eine Idee, die der bereits vorhandene Umgebungssound hervorgerufen hat. Doch urplötzlich, ohne dass ich es erzwungen hätte, taucht doch noch etwas in meinem Kopf auf, was auch nur dort erkling: „Like A Waterfall“ von Solar Stone, ein Song aus meiner Schulzeit. Seit Jahren habe ich ihn nicht mehr gehört. Meine Klangimagination kommt also in der Form eines spontanen Ohrwurms daher. Ich bin überrascht vom eigenen Gehirn und angetan von der klingenden Umgebung. Mittlerweile will ich es Musik nennen.
Friedemann Dupelius, Karlsruhe, Oktober 2011
Hör- Quadrat
Kurzbericht
Peter Streiff, Komponist. Hör-Quadrat, Tunnel, 22. Dezember 2011 bis 19. März 2012.
Am Sonntag, 18. Dezember 2011 hat das Festival Rümlingen zu einem Hörspaziergang zum Tunnel eingeladen. Anwesend waren 8 Personen. Etwas Neuschnee, bewölkt, ein leichter Regen, einzelne Aufhellungen, kühl.
Nach meiner Einführung in der Kirche Rümlingen gingen wir zum Tunnel, die letzten 200 Meter schweigend. Ausser ein paar kurzen Hinweisen wurde während der gut halbstündigen Hörarbeit nicht gesprochen. Wir widmeten uns den drei Hörsequenzen A, B und C, so wie sie im Konzept angeordnet und beschrieben sind.
Die Nachbesprechung hat zusammengefasst Folgendes ergeben:
Hörsequenz A
Sehr aufmerksame und sehr differenzierte Wahrnehmung. Die Positionswechsel waren deutlich wahrnehmbar und veränderten das Hörbild auf nuancierte Art. Dass einige Klänge kaum oder erst nach längerem Hinhören auseinander gehalten werden konnten, gab der Klangsituation einen besonderen Reitz. Deutlich wurde, dass alle Anwesenden am gleichen Ort einerseits Gleiches hörten, andererseits aber auch sehr individuell wahrnahmen und das Gehörte eigenwillig deuteten.
Hörsequenz B
Die Anwesenden haben einen individuellen und kreativen Zugang entwickelt, um im inneren Ohr Klangerinnerungen in die gegenwärtige Klangsituation hinein zu hören. Etwas leichter gelang dies, wo etwa „Fehlendes“ ergänzt werden konnte (z.B. in eine unbefahrene Strassen aus der Erinnerung den Verkehrsklang ergänzen). Viel Anstrengung benötigte es allerdings, z.B. die existierenden Klänge des Baches und des Verkehrs mit einem Erinnerungsklang zu ergänzen, zu kontrapunktieren. Bei einigen Anwesenden hat sich eine unerwartete Reaktion eingestellt: Die Klangsituation beim Tunnel löste ein Hörverlangen aus, das dann in der Vorstellung ergänzende Klänge hervorrief, die spontan der akustischen Erinnerung des Hörenden entlockt wurden.
Hörsequenz C
Das Ertasten und Wahrnehmen der Beschaffenheit einiger Steine der Tunnelwand stellte keine Probleme. Daraus einen passenden Klang zu finden, stellte dann allerdings Fragen zum Vorgehen: Direkte Assoziationen stellten sich nicht ein. Der einzige Weg schien der Umweg über die Reflexion. Entweder stellen wir uns die Beschaffenheit der Steine als musikalische Partitur vor oder wir bedienen uns kompositorischer Methoden (so einfach sie auch sein mögen) und Instrumentalklängen. Beides würde zu reflektiertem Gestalten führen. Dieser Umweg hatte bei allen Anwesenden, auch bei mir als Verfasser dieses Konzepts, Unbehagen ausgelöst. Gegenüber A und B ist in C ein Sprung zum gestalterischen Willensakt entstanden, der von den Hörenden eine andere Vorgehensweise verlangt als bei A und B. Somit ist mein intendierter Fluss der Hörarbeit von A über B zu C irritert, gar gebrochen.
Auch mir gelang die assoziative Klangfindung nicht. Vor der Ausformulierung des Konzepts gelang mir im ersten Versuch im Tunnel diese assoziative Klangfindung. Allerdings bin ich nach der jetzigen Erfahrung nicht sicher, ob es sich um eine Selbsttäuschung gehandelt hat.
Auf Grund der Mitteilungen der Anwesenden und meiner eigenen Erfahrung vom 18. Dezember habe ich den Text des Konzepts Hör-Quadrat revidiert und zitiere ihn hier, ohne die Situationsskizze.
Peter Streiff
Hör-Quadrat
hören-erinnern-vorstellen
2010-2011
Im Auftrag des
Festival Rümlingen 2011
Hör-Quadrat
1 Einleitung
1.1 Absicht
In die Klänge dieses Ortes hinein hören und sie in Beziehung setzen zu eigenen Hörerfahrungen und Wahrnehmungen.
Mit den Hörsequenzen A und B soll nicht ein endgültiges Resultat erreicht werden. Die Anleitungen sollen vielmehr Entdeckungen, Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglichen. Dabei kann der Hörprozess einmal besser, einmal weniger gut gelingen.
1.2 Haltung
Ruhig, achtsam, ohne Hast und Leistungsdruck. Die Sinne öffnend. Auf Klangereignisse an diesem Ort gerichtet.
Während der zwei Hörsequenzen ist es sinnvoll nicht zu sprechen.
1.3 Zeit
Für die zwei Teile zusammen ist etwa eine halbe Stunde einzurechnen.
Jedenfalls ist zu vermeiden, dass ein nahe stehender Termin Zeitdruck erzeugt. Es empfiehlt sich, den Ort bei Tageslicht zu besuchen.
1.4 Vorgehen
Die zwei Teile gehören zusammen. Es kann aber auch nur A ausgeführt werden; wird B einzeln ausgeführt, so wird mit einer Erfahrung gerechnet, die der Sequenz A entspricht.
1.5 Begrifflichkeit
- Klang meint hier alles, was akustisch wahrnehmbar ist.
- Klangsituation meint die konkrete akustische Gegebenheit, welche von einem bestimmten Ort aus wahrgenommen werden kann.
- Klangeigenschaften sind Teilaspekte der Klänge (Lautstärke, Dauer, Artikulation,
Klangfarbe, Tonhöhe, Richtung, Distanz, etc.)
- Klangcharakter ist das Zusammenwirken der Klangeigenschaften zu einem Ganzen. Die visuelle Wahrnehmung, die Assoziation und die zugewiesene Bedeutung prägen den Charakter mit.
- Ein Raumklang ist an der Qualität der Resonanz des Klangereignisses zu erkennen; eine Art Aura um den Klang herum (der Raumklang z.B. eines kleinen Restaurants, einer grossen leeren Halle, eines Innenhofs, einer offenen Landschaft, eines zu kleinen, überfüllten Zimmers, eines Treppenhauses, eines Warenhauses).
1.6 Ort
Südlich des Bahnhofs von Rümlingen. Zwischen der Überquerung des Homburgerbaches und dem Hof Talweid liegt ein leicht aufsteigender Tunnel, der den Bahndamm der Eisenbahnlinie Olten-Rümlingen-Sissach durchstösst. Am oberen Tunnelende (Koordinaten 630.889/251.989) ist ein quadratisches Feld vorgesehen, welche als Standort benutzt werden soll. Das Quadrat hat entsprechend des Tunneldurchmessers eine Seitenlänge von ca. 4,2 Metern (siehe Skizze, Seite 1).
A Hören
A.1 Nimm von deinem Standort aus Klänge wahr, die auf dich zukommen; bemühe dich,
Klänge auch zu suchen.
A.2 Versuche, die Eigenschaften der Klänge zu ergründen und nicht deren Ursache zu erkennen.
A.3 Verfolge die Wege der Klänge, die sich bewegen.
A.4 Stelle mit den Klängen eine Orientierung im Landschaftsraum her.
A.5 Nimm innerhalb der quadratischen Fläche verschiedene Positionen und Hör-Richtungen ein:
in der Mitte, in den Ecken, an den beiden Wänden, auf den beiden offenen Kanten. Achte auf Veränderungen der Klangcharaktere.
A.6 Versuche -wieder in verschiedenen Positionen- unterschiedliche Charaktere des Raumklanges zu hören.
B Klang – erinnern – vorstellen
B.1 Rufe dir aus deiner Alltagserfahrung eine Klangsituation in Erinnerung, die in ihrer Art charakteristisch und in deiner Erinnerung gut verankert ist.
B.2 Es kann hilfreich sein, sich zuerst eine erlebte Situation vorzustellen und sich dann den innewohnenden Klängen gewahr zu werden.
B.2.1 Situationen können sein: Aktivitäten in der eigenen Wohnung / Küche und im Freien, Kontakt zu Nachbarn, Sprechen, Musizieren; Verkehrsmittel, mechanische und elektronische Geräte (Staubsauger, Ventilator, Baumaschine; Handy, Computer, Warenhauskasse); Naturlandschaft, Jahreszeiten, Wetter; urbane Bereiche, öffentliche Plätze und Räume, öffentliche Veranstaltungen, Kirchen, Treffpunkte (Bushaltestelle, Bahnhof, Restaurant).
B.2.2 Klangsituationen können sein: Personen bezogen, ortsgebunden, Natur bezogen; statisch, sich verändernd, kurz, lang, laut, leise; monoton, mehrschichtig, lebhaft, beruhigend, störend, angenehm, still; mitteilend, signalartig, beiläufig, den Hintergrund füllend, öffentlich, privat.
B.3 Rufe diese klangliche Erinnerung einige Male ab, um über diese Klangvorstellung verfügen zu können.
B.4 Nimm das Hören von A wieder auf und ergänze in deiner Vorstellung die gegenwärtige Klangsituation mit deiner Klangerinnerung -wahlweise für einen kurzen Moment oder für eine längere Dauer. Dadurch kannst du die Klangsituation, welche du vom Tunneleingang aus hörst, in deinem inneren Ohr räumlich und zeitlich verändern und erweitern.
B.4.1 räumlich verändert wird die Klanglandschaft, wenn du z.Klänge aus einer ferneren Stadt oder aus einem Warenhaus mit einbeziehst; zeitlich verändert sie sich, wenn du z.B. Klänge aus anderen Jahreszeiten einfügst.
B.5 Du kannst dies mit weiteren Klangerinnerungen versuchen.
2 Erfahrungsaustausch
2.1 Nach der Ausführung von A und B können die Anwesenden ihre Erfahrungen und Eindrücke gegenseitig austauschen und nach bestimmten Aspekten fragen: was hörten wir, wie war die eigene Hörhaltung, wie war die Qualität des eigenen Hörens und des Gehörten, wie ist die Wirkung, welche Erfahrungen wurden gemeinsam gemacht, welches waren individuelle Wahrnehmungen.
2.1.1 Der Austausch unter den Beteiligten ist ein wichtiger Aspekt, um gemeinsame und individuelle Wahrnehmungen, Erfahrungen und Reaktionen zu formulieren, festzuhalten und aus etwas Distanz bewusst zu machen.
2.2 Wer allein am Ort war, kann für sich die Erfahrungen und Eindrücke in einer Art Protokoll aufschreiben oder visualisieren.
Peter Streiff
Herzlich Willkommen im neuen Forum des Festival Rümlingen!