Festival Rümlingen

Die Musikalität von Robert Walsers Sprache hat schon viele Komponisten und etwas weniger Komponistinnen zu Vertonungen angeregt. Gerätselt wird dabei immer wieder um das Schweigen und die Stille, die Robert Walser umhüllten, während er seine letzten 23 Jahre in der Heilanstalt Herisau verbrachte.

Auch das Festival Rümlingen geht von dieser Herisauer Zeit des verstummten Dichters aus und rollt den Fall Walser gewissermaßen von hinten auf: Es beginnt mit Walsers stummem Ende und endet mit dessen beredter Jugend. Das Kollektiv Mycelium und Oliver Rutz thematisieren den zum «Patienten 3561» gewordenen Dichter. Mit dem späten Mikrogramm-Schaffen beschäftigen sich Georges Aperghis in seinem Théâtre Musical «Zeugen» für Sopran, Instrumentalensemble und – als ‹Zeugen› – sieben Kasperle-Figuren von Paul Klee, sowie Roland Moser mit dem Musiktheater «Die Europäerin», der ersten Vertonung eines gesamten Mikrogramms. Der letzte Tag des Festivals führt zurück in die Jugend des Dichters: Die Komponistin Anda Kryeziu widmet sich zusammen mit dem Fringe Ensemble aus Bonn und Cantando Admont aus Graz Walsers rätselhafter «Tobold»-Figur.

Doch was wäre Walser ohne seine Spaziergänge! 15 Uraufführungen, interpretiert vom Kölner Ensemble Garage und lokalen Kräften aus dem Appenzell, begleiten das Publikum auf zwei Wanderungen. Die erste von Teufen nach Trogen verarbeitet Walsers Spätwerk, die zweite von Wald nach Heiden beschäftigt sich mit dem frühen und mittleren Schaffen.

Die Jahrestagung der Robert Walser-Gesellschaft hat die musikalischen Schreibverfahren Walsers und deren Rezeption in der Musik zum Thema; dazu erklingen Werke, die noch zu Walsers Lebenszeit entstanden sind.

Das Festival Neue Musik Rümlingen ist auch 2021 vor allem ein Uraufführungsfestival. Es geht nicht darum, einen Rückblick auf die Vertonungsgeschichte mit über 300 Werken zu Robert Walser zu geben, sondern neue Auseinandersetzungen mit dem Schweizer Dichter anzuregen.  

Partner: Festival KLANG MOOR SCHOPFE, Robert Walser Gesellschaft, Robert Walser Zentrum Bern

Wir danken allen Unterstützer:innen herzlich für ihr Engagement. Eine ausführliche Liste finden Sie im Menü unter Partner

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PROGRAMMÜBERSICHT

Auf Grund der steigenden Fallzahlen hat der Bundesrat am 25. August 2021 die Einführung eines Covid-Zertifikats für Veranstaltungen in Innenräumen empfohlen. Wir nehmen diese Empfehlung auf und verlangen für sämtliche Musiktheater und Lesungen ein Zertifikat. Nicht von dieser Regelung betroffen sind die beiden Spaziergänge vom 18. und 19. September


 

5.–12. September

Cathy van Eck, Prolog am Festival KLANG MOOR  SCHOPFE in → Gais

 

 


Donnerstag 16. September

10.00 Uhr Festivaleröffnung in der → Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell (AI), Appenzell
bis 17.00 Uhr Kollektiv Mycelium: «Patient Nr. 3561» (UA)

Mit: HannaH Walter (Konzeption/Kuration, vl), Charlotte Lorenz (vc), Kaspar von
Grünigen (cb), Samuel Fried (perf), Ernesto Coba, Nicola Mišic, Cedric Spindler (Audio Design)

 

Die Installation kann auch am Freitag 17. und  Sonntag, 19. September jeweils von 10.00–12.00 Uhr besucht werden. Ohne Performance.

 

Zutritt nur mit gültigem Covid-Zertifikat

 

Unterstützt von: Appenzell Innerrhoden, UBS Kulturstiftung, Gwärtler Stiftung, Nicati de Luze, Stadt Biel, Stadt Thun, BEKB Förderfonds, Pro Helvetia, Kunsthalle Ziegelhütte / Kunstmuseum Appenzell.

 

 


Freitag 17. September

Eröffnung Jahrestagung der Robert Walser-Gesellschaft «Robert Walser und die Musik» im → Krombachsaal des Psychiatrischen Zentrums Herisau (AR).

 

Unterstützt von: Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden, Johannes Waldburger Stiftung, Steinegg, Fred Styger Stiftung, Gemeinde Herisau, Stiftung Herisau in Zusammenarbeit mit dem Robert Walser Zentrum.

 

Das ausführliche Programm des Symposions finden Sie hier

 

Zutritt nur mit gültigem Covid-Zertifikat

 


16.30 Uhr Musikalischer und historisch-literarischer Rundgang im Psychiatrischen Zentrum Herisau

 

Barbara Auer, Herisau: Zur Geschichte der Klinik Herisau und zum Patienten Robert Walser.

Oliver Rutz: «Sonst zieh’ ich immer erst einen Prosastückkittel an.» Musikalischer Rundgang für Stimmen und Akkordeon

 

Mit: Ensemble SoloVoices: Francisca Näf (Mezzosopran), Jean-J. Knutti (Tenor), Jean-Christophe Groffe (Bass), Olivia Steimel (Akkordeon)

 

Unterstützt von: Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden, Gemeinde Herisau.

 


20.00 Uhr: Georges Aperghis: «Zeugen». Für Sängerin, Ensemble und sieben Handpuppen von Paul Klee (2007)

Konzertante Neufassung (2021) UA

 

Mit: Salome Kammer (voc), Ernesto Molinari (cl), Alejandro Oliván López (as), Teodoro Anzellotti (acc), Françoise Rivalland (cim), Mathilde Hoursiangou (p), Szenographie: Andreas Wenger, Technik: Steve Valentin, Leitung: Marcus Weiss

 

Zutritt nur mit gültigem Covid-Zertifikat

 

Unterstützt von: Schweizerische Interpretenstiftung, Nicati de Luze, Ernst von Siemens Musikstiftung, Impuls Neue Musik

 

 


Samstag 18. September

Tagsüber

Literarisch-musikalischer Spaziergang von → Teufen (Bürgerort Walsers) nach → Trogen. Einlass 11.00 – 14.00 Uhr

 

Mit Uraufführungen und Werken von: Mathieu Corajod, Stephan Froleyks, Eva-Maria Houben, Ruedi Häusermann, Patrick Kessler, Brigitta Muntendorf, Karl Alfons Zwicker.

 

Ausführende: Ensemble Garage Köln, ChorWald, SinGALLinas, u. a.

 

Näheres zu den Werken und den Ausführenden finden Sie hier

 

Jahrestagung der Robert Walser-Gesellschaft «Robert Walser und die Musik» im → Krombachsaal des Psychiatrischen Zentrums Herisau (AR).

Das ausführliche Programm des Symposions finden Sie hier 


Abends

→ Rösslisaal, Trogen

18.00 Uhr und 20.00 Uhr: Roland Moser: «Die Europäerin» Musiktheater für zwei Musiker:innen, zwei Sänger:innen und einen Sprecher auf das Mikrogramm 400

 

Mit: Regie und Ausstattung: Ingrid Erb, Dramaturgie: Pierre Sublet. Leila Pfister (mez), Niklaus Kost (bar), Jürg Kienberger (voc), Conrad Steinmann (Blasinstrumente), Helena Winkelman (va)

 

Zutritt nur mit gültigem Covid-Zertifikat

 

Unterstützt von: Pro Helvetia, Fachausschuss BS/BL, Burgergemeinde Bern, Fondation Nicati de Luze, SUISA, SIS, Fondation Nestlé pour l’Art, Gesellschaft zu Ober-Gerwern, Oertli Stiftung, GVB Kulturstiftung Bern

 

→ Restaurant Schäfli, Trogen

17.30 Uhr und 19.30 Uhr: Lesung aus dem «Räuber»-Roman von Robert Walser
Mit: Ueli Jäggi (Sprecher)

 

Zutritt nur mit gültigem Covid-Zertifikat

 

→ Kantonsbibliothek, Trogen

Ab 16:00 Uhr: Regula Engeler und Jochen Heilek: Video-Installationen zum «Räuber»-Roman aus den Mikrogrammen Walsers. Live-Musik: Małgorzata Walentynowicz (p), Annegret Mayer-Lindenberg (va)

 

 


Sonntag 19. September

Tagsüber

Literarisch-musikalischer Spaziergang von → Wald nach → Heiden oberhalb Rorschachs. Einlass 10.00 – 13.00 Uhr

 

Mit Uraufführungen und Werken von: Carola Bauckholt, Lilian Beidler, Nicolas Berge / Lucia Kilger, Gisa Frank / Urban Mäder, Paul Giger / Andres Bosshard, Patrick Kessler, Daniel Ott, Charles Uzor, Karl Alfons Zwicker.

 

Ausführende: Ensemble Garage Köln, ChorWald, SinGALLinas, Brass Band Rehetobel, Jugendmusik Rehetobel, Goran Kovacevic (Akkordeon), Paul Giger (Violine), Richard Haynes (Bassklarinette), Hackbrettspieler:innen und Kontrabässe aus der Region.

 

Näheres zu den Werken und den Ausführenden finden Sie hier

 


Abends

Kursaal, Heiden

17.30 Uhr und 19.30 Uhr: Literarisch-musikalische Lesung: Carl Seelig: «Wanderungen mit Robert Walser». Die Topographie des Alpstein als Partitur UA

 

Mit: Ueli Jäggi (Sprecher) und Trio Anderscht: Fredi Zuberbühle (Hackbrett), Roland Christen (cb), Andrea Kind (Hackbrett)

 

Zutritt nur mit gültigem Covid-Zertifikat

 

Kompositionswettbewerb des Kantons Appenzell AR 2020.

 

→ Saal Gasthaus Linde, Heiden

17.00 Uhr und 19.00 Uhr: Anda Kryeziu: «Tobold» ein MusikTheaterAbend über Robert Walser (2021) UA

 

Mit: Regie: Frank Heuel. Ausstattung: Annika Ley. Schauspiel: Bettina Marugg, Philip Schlom. Gesang: Helena Sorokina (mezz/alt), Christoph Brunner (bass/bar).Musikalische Leitung: Cordula Bürgi

 

Zutritt nur mit gültigem Covid-Zertifikat

 

Eine Koproduktion des Festival Rümlingen mit dem Fringe Ensemble, Bonn und Cantando Admont, Graz.
Unterstützt von: Kunststiftung NRW

 

 


19. November 2021

Nachklang des Festivals in → Rümlingen, Baselland: Ausgewählte Werke der Spaziergänge. Das genaue Programm wird noch bekannt gegeben.

Musiktheater

Für sämtliche Musiktheater gilt eine Covid-Zertifikatspflicht

 

Musiktheater #1

 

Kollektiv Mycelium: «Patient Nr. 3561.»UA

Eine Krankengeschichte in Herisau vom 19. Juni 1933 bis 25. Dezember 1956

16. September 2021, 10.00 – 17.00 Uhr → Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell (AI), Appenzell

Ganztägige installative Performance, basierend auf Recherchen zu Robert Walsers Aufenthalt in der Psychiatrie.

 

Die Installation kann auch am Freitag 17. und  Sonntag, 19. September jeweils von 10.00–12.00 Uhr besucht werden. Ohne Performance.

 

Eine Koproduktion des Festivals Neue Musik Rümlingen mit dem Museum Appenzell.
Konzeption/Kuration: HannaH Walter.

 

Gestutzte Protokollsätze aus der Krankengeschichte und den Pflegeberichten lassen den Patienten Nr. 3561 als eigenständiges Subjekt nicht vorkommen. In seinen letzten 23 Lebensjahren verschwindet Robert Walser im Schoss der totalen Institution Psychiatrie.

Das Kollektiv Mycelium widmet sich den Protokollen des psychiatrischen Prozederes und dem Schreiben über Walser mit einer installativen Performance in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell (Kanton Appenzell Innerrhoden): 23 Jahre Leben in der Psychiatrie werden komprimiert auf einen Tag im Museum. In der immersiven Performance kann sich das Publikum wie in einer Ausstellung frei bewegen.

Alle Etagen, Zwischenetagen und Galerieräume, sowie die labyrinthisch angelegten Brennöfen werden bespielt.

Das ‹Labyrinthische›, das Walsers späte Texte auszeichnet, sowie der monotone Alltag in der Psychiatrie, geprägt durch die Beschäftigungs- und Arbeitstherapie für sogenannte ‹ruhige› Patienten, bilden das formale Prinzip der Kuratorinnenkomposition.

In einer pandemischen Zeit, in der Menschen hinter (Fall)zahlen verschwinden und es auch in der Musik immer stiller wird, therapieren sich die Musikerinnen und Musiker.

Sie verrichten Arbeiten. Falten Notenständer und Filzdecken. Sie hören Stimmen. Fragmente entfernter, telematisch übertragener Räume. Schreiben ab im Bleistiftgebiet musikalischer Mikrogramme. Im immer gleichen Takt der Tage, Monate, Jahre wechseln sie autistisch Tonbänder einer minimalen Musik.

 

Kollektiv Mycelium ist eine Gruppe von jungen Interpretinnen und Interpreten, die sich auf zeitgenössische und transdisziplinäre Projekte spezialisiert haben. An Schnittstellen zu anderen Disziplinen experimentieren sie mit alternativen Konzertformaten und suchen neue Wege der Präsentation zeitgenössischer Musik im Kontext übergreifender (oftmals szenischer) Konzepte.

In die Installation sind folgende Werke und Performances integriert.

  • HannaH Walter (*1989) + Robert Torche (*1989): Schnüre-Verlesen (UA) (Arbeitstitel). Hörstück
  • Tanja Schwarz (*1987): Videoessay (UA). Es kommt, was in mir ist, nicht heraus (2021) (Arbeitstitel)
  • Robert Torche (*1989): Die Strassen besassen das Aussehen von schöngeschriebenen Adressen (2021). Installation von Tonbändern mit Hörkopf
  • Hans Wüthrich (1937–2019): Orte der Zeit 2 (ex libris) (Szene 3 aus Happy Hour Zyklus) für Schauspieler:innen, Tischchen und (uralte) Bücher, die leise atmen (1994–97) (in einer Adaption des Kollektiv Mycelium)
  • Christoph Herndler (*1964): STÄNDCHEN 2011. variable Besetzung
  • Christoph Herndler (*1964): FOLD UNFOLD FELT 1994. Notationsobjekt aus 4 Decken (Filz, 1500 × 1500 mm)
  • Christoph Herndler (*1964): Abschreiben in 3 Teilen (für Streichinstrumente) (2005)
  • Jürg Frey (*1953): aus Sachen (1979/1980)

 

Mit: HannaH Walter (Konzeption/Kuration, vl), Charlotte Lorenz (vc), Kaspar von Grünigen (cb), Samuel Fried (perf), Ernesto Coba, Nicola Mišic, Cedric Spindler (Audio Design)

 

Unterstützt von: Appenzell Innerrhoden, UBS Kulturstiftung, Gwärtler Stiftung, Nicati de Luze, Stadt Biel, Stadt Thun, BEKB Förderfonds, Pro Helvetia, Kunsthalle Ziegelhütte / Kunstmuseum Appenzell.

Eine Koproduktion mit dem Festival Neue Musik Rümlingen.

 


Musiktheater #2

 

Georges Aphergis: «Zeugen» (UA der Neufassung)

Premiere 17. September 2021, 20.00 Uhr, Krombach Saal, Psychiatrisches Zentrum Herisau

Konzertante Neufassung des théâtre musical «Zeugen» von 2007. Basiert auf verschiedenen Texten und Dramoletten von Robert Walser.

 

Gastspiel Januar 2022, Gare du Nord Basel.

 

2007 vertonte Georges Aperghis Texte von Robert Walser für ein fünfköpfiges Ensemble, eine Sängerin, einen Schauspieler und sieben Handpuppen von Paul Klee. Daraus entstand das Théâtre Musical «Zeugen».

Aperghis bringt in diesem Werk zwei zentrale Künstler des 20. Jahrhunderts zusammen, die sich im Leben nie begegnet sind und die sich in Bern ganz knapp verpasst hatten: Als Paul Klee am Heiligabend 1933 das Dritte Reich verliess und in sein Elternhaus in Bern zurückkehrte, war Robert Walser schon in Herisau, wohin er im Juni 1933 gegen seinen Willen eingeliefert worden war.

Mit: Salome Kammer (voc), Ernesto Molinari (cl), Alejandro Oliván López (as), Teodoro Anzellotti (acc), Françoise Rivalland (cim), Mathilde Hoursiangou (p), Szenographie: Andreas Wenger, Technik: Steve Valentin, Leitung: Marcus Weiss

 

Unterstützt von: Impuls Neue Musik, Schweizerische Interpretenstiftung, Nicati de Luze, Ernst von Siemens Musikstiftung, Impuls Neue Musik

Eine Koproduktion mit dem Festival Neue Musik Rümlingen.

 

 


Musiktheater #3

 

Roland Moser: «Die Europäerin»UA

Premiere 18. September 2021, 18.00 Uhr und 20.00 Uhr → Rössli Saal,Trogen

Musiktheater für zwei Musiker:innen, zwei Sänger:innen und einen Sprecher auf das Mikrogramm 400

Kompositionsauftrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Eine Koproduktion mit den Jardins Musicaux in Cernier und dem Festival Rümlingen. Uraufführung am Festival Jardins Musicaux in Cernier 19. August 2021. Gastspiel: Januar 2022, Gare du Nord Basel.

 

Das Mikrogramm Nr. 400 (Zahl von Nachlassbearbeiter gesetzt) ist auf ein Papier von der Grösse 17,5 × 8 cm geschrieben. Es enthält einen recht umfangreichen Aufsatz, ein kurzes Dramolett mit dem Titel «Die Europäerin» und zwei Gedichte. Vermutlich ist es im September 1927 entstanden, auf dem halben Papier eines «Tusculum»-Kalenders, der bei Altphilologen beliebt war und irgendwie in Walsers Hände kam.

Der Aufsatz, ein Entwurf zum später gedruckten «Theateraufsatz» zum 150. Geburtstag des Dichters, ist ein witzig-kritischer Text über Kleist als Dramatiker. «Ich werde in diesem Aufsatz frech sein, ich fühle es …», so fängt er an. Auch das Dramolett «Die Europäerin», mit einer Sängerin von gesundem Selbstbewusstsein, ihrem Dichter-Freund, und ganz am Schluss einem Begleiter, dessen Stimme die Szene unwirsch beendet. Es handelt sich trotz Komplimenten eher um ein Duell als um ein Duett, einen mehrere Gefühlslagen durchziehenden Dialog. Auf dem gleichen Blatt stehen zwei Gedichte:

«Blonde Bestie, stör mich nicht» mit Zitaten in des Dichters erster Person, und: «Frauen sind in Gemächern / bei Spiegeln, Schmuck und Fächern / das bange Warten selber». Mehrfach tauchen in diesen Gedichten auch Stellen aus dem Aufsatz und der Szene auf. Aber Wörter gebären auch ständig neue Wörter über Assonanzen und Rhythmen. Das klingt wie ein Tanz von Silbe zu Silbe. Klänge und Rhythmen, musikalische, stehen im Zentrum der beiden anderen Personen, die sich in die Szene bringen: Eine Geigerin in der Rolle einer bloss aus dem Off hörbaren virtuosen Solistin, die Fetzen von «Walser-Capricen» übt. Später sieht man sie als Strassenmusikantin auf der Bratsche schlichte aber assoziativ reiche Melodien spielen, «beiseit» sitzend auf einem Feldstühlchen. Ein Bläser mit Okarina – einem Volksinstrument – wandert immer wieder spielend oder stumm über die Bühne, an deren Rand, der Instrumente versteckt hält, um sie zu holen, zu spielen und abzulegen. Es gibt kaum ganze musikalische «Nummern». Nur in den beiden Gedichten, die einmal integral, später oder vorher nur fragmentarisch erklingen, beteiligt sich die Sängerin in Terzetten mit den beiden.

 

Mit: Regie und Ausstattung: Ingrid Erb, Dramaturgie: Pierre Sublet. Leila Pfister (mez),  Niklaus Kost (bar), Jürg Kienberger (voc), Conrad Steinmann (Blasinstrumente), Helena Winkelman (va)

 

Unterstützt von: Pro Helvetia, Fachausschuss BS/BL, Burgergemeinde Bern, Fondation Nicati de Luze, SUISA, SIS, Fondation Nestlé pour l’Art, Gesellschaft zu Ober-Gerwern, Oertli Stiftung, GVB Kulturstiftung Bern

Eine Koproduktion mit den Jardins Musicaux in Cernier und dem Festival Neue Musik Rümlingen.

 

 


Musiktheater #4

 

Anda Kryeziu: «Tobold» (UA)

Premiere 19. September 2021, 17.00 Uhr und 19.00 Uhr → Saal Gasthaus Linde, Heiden

ein MusikTheaterAbend über Robert Walser.

eine Koproduktion von  des Festival Rümlingen mit dem Fringe Ensemble, Bonn und Cantando Admont, Graz

 

In der kleinen Erzählung «Der fremde Geselle» begegnet uns der Name Tobold bei Walser zum ersten Mal schon früh. Ein Ich erzählt uns von einem Fremden, der kurz vorm Haus haltend zum Ich heraufschaute und dann weiterzog. Nachts in Gedanken an diese kurze Begegnung wachliegend, gibt es dem Weiterziehenden den Namen Tobold, der später immer wieder in vielen weiteren Geschichten Walsers auftaucht.

«Tobold liebte alles Alte, alles Ge- und Verbrauchte, ja, er liebte sogar bisweilen Verschimmeltes. So zum Beispiel liebte er alte Leute, hübsch abgenutzte alte Menschen.» Walsers Gestalten sind immer randständig, niemals Mitglied der Gesellschaft. Und das haben sie mit den Figuren Franz Kafkas gemein. Aber wie bei Kafka liegt in ihrer Demut ein unbändiger Widerstand und Eigensinn.

Tobold – auch der Titel eines verschollenen Romans – wird oft als Pseudonym Robert Walsers verstanden. Das Musiktheaterprojekt «Tobold» wird sich diesem Figurentypus nähern. Der Text setzt sich zusammen aus Fragmenten der frühen Erzählungen; dabei wird die oben erwähnte Prosa «Der fremde Geselle» ein leitmotivisches Zentrum bilden.

Das Format aus Gesprochenem und Gesungenem drückt sich in der Besetzung aus, die sich aus einem kleinen Gesangs- und Sprecherensemble zusammensetzt. Der Entwicklungs- und Probenprozess gestaltet sich in verschiedenen Phasen, in denen Komposition, Textauswahl und -verteilung überprüft und weiterentwickelt werden. Text – gesprochen und/oder gesungen – ist neben dem Transport von Inhalt immer auch Klang, mit welchem wir über die Spatialisierung musikalische Räume schaffen werden. Es wird sowohl mit acappella-Gesang als auch der elektronischen Transformation der Stimmen gearbeitet.

Die unterschiedlichen Aufführungsorte – Uraufführung ist im Gastraum der Alten Linde in Heiden, folgende in offen zu nutzenden Theatersälen in Graz, Bonn und Berlin – erfordern ein ortsunabhängiges Raum-Konzept. Hier wird es vorrangig um eine Interaktion der durch Klang (s.o.) geschaffenen Räume und der visuell entstehenden Öffnungen gehen. Projektionsflächen und Möglichkeiten werden mit der jeweilig vorhandenen Raumstruktur entwickelt und an die einzelnen Orte der Aufführungen adaptiert!

Mit: Regie: Frank Heuel. Ausstattung: Annika Ley. Schauspiel: Bettina Marugg, Philip Schlom. Gesang: Helena Sorokina (mezz/alt), Christoph Brunner (bass/bar). Musikalische Leitung: Cordula Bürgi

 

Unterstützt von: Kunststiftung NRW

Spaziergänge

 

Bei den Spaziergängen verzichten wir auf eine Covid-Zertifikatspflicht. Wir bitten Sie aber, Abstand zu wahren, grösssere Ansammlungen zu vermeiden und bei Bedarf eine Maske zu benutzen.

 

 1. Spaziergang

 

Samstag 18. September 2021, Einlass 11.00 – 14.00 Uhr

Von → Teufen (AR – Bürgerort Walsers) nach → Trogen (AR).

Treffpunkt: Zeughaus Teufen

 

Der Weg ist streckenweise steil und anstrengend. Unbedingt gutes Schuhwerk und eine kleine Verpflegung mitnehmen. Reine Gehzeit 2h10m. Geschätzte Gesamtdauer 5 h.

 

Im Zentrum des ersten Walser-Spaziergangs stehen die späten Mikrogramme von Robert Walser. Der Weg führt die Zuschauer:innen in den Rösslisaal Trogen zur Aufführung von Roland Mosers neuem Musiktheater «Die Europäerin» und lotet das «literarische Bleistiftgebiet» im Spätwerk Robert Walsers aus. Gleichzeitig suchen wir Anknüpfungspunkte in der Landschaft, die Robert Walser zwischen 1936 und 1956 mit seinem Vormund Carl Seelig erwandert hat. In beiden Dörfern hat Walser auf seinen Spaziergängen regelmässig den lokalen Wirtshäusern einen Besuch abgestattet.

 

  • Cathy van Eck: «What we keep» Installation (2021)
  • Ruedi Häusermann: «Unterricht in der Kunst, die Fröhlichkeit nicht einzubüssen» Für Sprechstimme, Bassklarinette, Bass und Schlagzeug (2021) UA. Ruedi Häusermann (comp, bcl, fl, örgeli), Marco Käppeli (perc), Claude Meier (kb, b), Herwig Ursin (Sprecher, xyl, örgeli)
  • Brigitta Muntendorf: «GUESSWORK» Für Chor und Elektronik, nach einem
    Mikrogramm von Robert Walser (2021), UA. Chorwald, Leitung: Jürg Surber.
  • Mathieu Corajod: «Holz» Kleines Stück für eine Geige (2021) UA. Diego Ramos Rodríguez (Violine, Ensemble Garage Köln).
  • Chuchchepati Orchestra: «Der Makrograph -Volume 1: Mikrogramm 400» Konzert-Installation für Lautsprecher, sehr grosse Vinylplatte und Orchester (2021) UA. dieb13 (turntables), Patrick Kessler (kb)
  • Eva-Maria Houben: «walser lesen», 1. Schnee mit Instrumenten, Stimmen & viel Zeit (2007). Ensemble ImProContra, Basel:  Rieke Volkenandt (Klarinette), Zora Weidkuhn (Harfe), Kaja Marina Weiss (Bratsche) Linus Neulinger (Gitarre) Elio Fistarol, (Bassklarinette), Anna Geser (Percussion), Sylwia Zytynska (Einstudierung)
  • Stephan Froleyks: «WalserWald» 78 Übungen (2021) UA. Klanginstallation mit Stimmen, Blasinstrumenten und zwei Klaviertorsi. Jugendmusik Rehetobel, André Meier, Paul Hübner, Dionys Tschopp (alle tp), Till Künkler (tb): alle Ensemble Garage Köln
  • Alfons Karl Zwicker: «R.W.s Blick auf JUPITER und PEGASUS» für Frauenchor, Bariton, Schlagzeug (2 Spieler) und Akkordeon (2021) UA. Chor sinGALLinas, Leitung: Michael Schläpfer (bar). Dirk Rothbrust (perc), Yuka Ohta (perc), Drazen Gvozdenovic (acc): alle Ensemble Garage Köln.
  • «Walserhalte» ≥ Bettina Marugg, Frank Heuel & Ueli Jäggi (Sprecher:innen), Nils Kohler (cl), Goran Kovacevic (acc), Francisco Obieta (cb)

 

 


2. Spaziergang

 

Sonntag 19. September 2021 – Einlass 10.00 – 13.00 Uhr

Von → Wald (AR) nach → Heiden (AR) oberhalb Rorschach (SG).

Treffpunkt: Restaurant Schäfli, Wald

 

Der Weg ist streckenweise steil und anstrengend. Unbedingt gutes Schuhwerk und kleine Verpflegung mitnehmen. Reine Gehzeit 2h30m. Geschätzte Gesamtdauer 5h30m.

 

Im Zentrum des zweiten Walser-Spaziergangs steht das Frühwerk Robert Walsers: Kurzprosa aus den Prosa-Sammlungen «Geschichten», «Aufsätze» und «Kleine Dichtungen» treten in Dialog mit der Landschaft des Appenzeller Vorderlands. Rund um die Strickerei Tobler AG in Rehetobel scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, man würde sich nicht wundern, wenn der «Gehülfe» oder einer der Absolventen der von Walser besuchten Dienerschule aus dem Gebäude treten würden. Zwischen Heiden (Appenzell Ausserrhoden) und Thal (Kanton Sankt Gallen) bewirtschafteten Verwandte von Carl Seelig Weinberge – mit ein Grund, weshalb die gemeinsamen Spaziergänge von Robert Walser und Carl Seelig auffällig oft in das Weinbaugebiet zwischen Rorschacherberg und Heiden führten? Die unterschiedlichen musikalischen Blickwinkel auf Walser führen hin zur Abschluss-Inszenierung des Festivals: «Tobold» – basierend auf der Kurzgeschichte «Der fremde Gehülfe» – der Komponistin Anda Kryeziu.

 

  • Lilian Beidler: «wandelnd» Skulptur mit bewegten Klängen (2021) UA. chorwald, Leitung: Jürg SurberSylwia Zytynska: «Hinweg» ein Klanggebiet am Wegrand (2021) UA. Schülerinnen und Schüler der Schlagzeugklassen Cathrin Züst und Farida Hamdar, Musikschule Appenzeller Vorderland, Ensemble ImProContra, Basel: Rieke Volkenandt (Klarinette), Zora Weidkuhn (Harfe), Kaja Marina Weiss (Bratsche), Linus Neulinger (Gitarre), Elio Fistarol, (Bassklarinette), Anna Geser (Percussion)
  • Alfons Karl Zwicker: «Barken voll Lust und Musik» für Frauenchor, Schlaghölzer, Klangschalen und Bassklarinette (2021) UA. Chor sinGALLinas, Leitung: Michael Schläpfer. Richard Haynes (bcl, Ensemble Garage Köln).
  • Carola Bauckholt: «Laute» nach der gleichnamigen Geschichte von Robert Walser für Schlagzeug (2021) UA. Dirk Rothbrust (perc, Ensemble Garage Köln).
  • Gisa Frank / Urban Mäder: «Es cho + es go» Eine Performance am Weg durch Rehetobel mit einem Haufen Bläser:innen und Akteur:innen (2021) UA. Brass Band und Jugendmusik Rehetobel, Leitung: Benjamin Markl & Marianne Zähner
  • Paul Giger / Andres Bosshard: «Labyrinth» Klanginstallation mit live-Bespielung (2021) UA. Paul Giger (Violine), Andres Bosshard (Klangregie).
  • Charles Uzor: «Hier in diesem zierl’chen Prunkgebäude» Musik für Chor, Gehende und Klangschalen nach Robert Walser (2021) UA. chorwald (Leitung: Jürg Surber), Isabel Pfefferkorn (voc)
  • Francisco Obieta/Patrick Kessler: «Gradus ad Kaienspitzum» Schritt um Schritt zum Gipfel mit Robert Walser (2021) UA. Kontrabassorchester mit Bassist:innen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Liechtenstein und Deutschland
  • Nicolas Berge / Lucia Kilger: «insertions» Audiowalk für Klarinette, Violine, Viola, Schlagwerk und mobiles Zuspiel (2021) UA. Nils Kohler (cl), Diego Ramos Rodríguez (vl), Annegret Mayer-Lindenberg (va), Yuka Ohta (perc): alle Ensemble Garage Köln.
  • Daniel Ott: «Seestück» nach Robert Walser für Akkordeon, Hackbretter, Trompeten, Posaunen & Schlagzeug (2021) UA. Elias Menzi & Töbi Tobler (Hackbrett), Goran Kovacevic (acc), Paul Hübner & André Meier (tp), Till Künkler (tb), Brass Band und Jugendmusik Rehetobel

 

Jahrestagung der Robert Walser-Gesellschaft

Musikalische Intermedien während des Symposions
(Ur)aufführungen von Liedern und Melodramen von:

  • James Simon (1880–1944): «Gebet» (1912) (EA) und «Gelassenheit» (1913), (UA)
  • Anna Renfer (1896–1984): «Langezeit» und «Unser Weg» (Carl Seelig), komponiert um 1950, (vermutlich UA)
  • Wilhelm Arbenz (1899–1969): «Drei Lieder» (1939)
  • Hans Wüthrich (1937–2019): «Arabien» (2002)
  • Heinz Holliger (*1939): «Klar-i-nettliches Zwiegesängelchen» (1996), (UA der Melodramfassung) mit zwei Klarinetten und zwei Flüsterstimmen
  • Roland Moser (*1943): «Walser-Liedchen» (1996) für Mezzosopran allein (1996).
  • Roland Moser (*1943): «Der Lärchen/Lerchen helle Äste» (2021), (UA) für Mezzosopran allein (2021), (UA).
  • Anette Schmucki (*1968): «am fenster» (1996) für Sopran (hohe Stimme und Sprechstimme) und Akkordeon (1996.)

 

Ausführende:
Salome Kammer (Gesang), Malgorzata Walentynowicz (Klavier), Teodoro Anzellotti (Akkordeon & Stimme), Donna Wagner-Molinari (Klarinette), Ernesto Molinari (Klarinette), Marcus Weiss(Stimme), Francisca Naef (Gesang)


Ausführliches Programm des Symposions

 

Freitag, 17. September

15.30 Uhr

Barbara Naumann, Zürich:

Trio der Interpretation: Robert Walser – Paganini – Goethe

 

16.30 Uhr

Musikalischer und historisch-literarischer Rundgang im Psychiatrischen Zentrum Herisau

Barbara Auer, Herisau: Zur Geschichte der Klinik Herisau und zum Patienten Robert Walser.

Oliver Rutz *1998 CH, Bächli: «Sonst zieh’ ich immer erst einen Prosastückkittel an.» (2020) UA

Mit: Ensemble SoloVoices: Francisca Näf (Mezzosopran), Jean-J. Knutti (Tenor), Jean-Christophe Groffe (Bass), Olivia Steimel (Akkordeon)

 

18.00 Uhr

Georges Aperghis und Roman Brotbeck:

Einführung ins Musiktheater Zeugen

 

20.00 Uhr Georges Aperghis: «Zeugen» für Sängerin, Ensemble und sieben Handpuppen von Paul Klee (2007) Konzertante Neufassung (2021) UA

 

Samstag, 18.09.

9.00 Uhr

Mitgliederversammlung der Robert Walser Gesellschaft

 

10.30 Uhr «Von Gedichten, Komödien, Aufsätzen, Geschichten und Räubern» – Vorstellung der Neuerscheinungen der Kritischen Robert Walser-Ausgabe 2020/2021

 

13.30 Uhr bis 18.00 Symposium (Fortsetzung): «Robert Walser und die Musik»

 

Alexander Honold, Basel:

Die Tonspur des Erzählens. Zum Performanz-Charakter von Walsers schriftlicher Mündlichkeit

 

Roland Moser, Allschwil:

Wie tönt Walser? – ob Glocken klingen – Prosa läuft

 

Silvan Moosmüller, Basel:

«Still, hören wir, was die Musik uns ferner will». Musikalität in Robert Walsers Märchen-Dramoletten

 

Corinne Holtz, Zürich:

Ich finde es schön, dass sie unglücklich ist. Walsers Frauen in der Musik

 

Eva Maria Houben, Dortmund:
Walser lesen: Musik hören? Einige Werke Walsers als Anstiftungen zum Hören

 

Unterstützt von: Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden, Johannes Waldburger Stiftung, Steinegg, Fred Styger Stiftung, Gemeinde Herisau, Stiftung Herisau in Zusammenarbeit mit dem Robert Walser Zentrum.